Kleine Verlage am Großen Wannsee 9 Juli 2016 in Berlin

Als Erstes möchte ich erwähnt haben, ich werde nicht zu jedem Buch oder Comic eine Rezension schreiben. Vielmehr will ich beschreiben welchen Eindruck und welches Gefühl jedes Werk innerhalb von 15 Minuten bei mir hinterließ. Ich gehe bei einigen Werken auf die Handlung ein und bei einigen Werken nicht. Dies ist aber noch lange keine Bewertung von mir.

Allerdings hat es ein Comic auf meine Liste geschafft und ihr könnte in den nächsten Tagen mit einer Rezension rechnen. 

Literarisches Colloquium Berlin

am Wannsee lud zum zwölften Mal kleine Verlage aus dem deutschsprachigen Raum zu sich ein und 28 Verlage ließen sich nicht zweimal auffordern und erschienen. Eine spannende Mischung und jeder Einzelne auf seine Art und Weise ein kleines Schätzchen. Und Kiek-Mal e.V. war als Presse für euch dabei.

Gegen 15 Uhr tauchten wir in die Welt der Buchstaben ein.

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Margret Boysen las aus “Alice, der Klimawandel und die Katze Zeta” (Edition Rugerup)

Dieses Werk brauchte kaum Zeit um mich einzufangen. Es ist lustig, klingt frisch und frech, es ist angenehm Gesellschaftskritisch und bleibt dabei sehr niedlich. Kleines Schmankerl – die Autorin ist auch entzückend sympathisch und nein dies ist keine Selbstverständlichkeit. Mein Vater kaufte sich anschließend sofort ein Exemplar. Mal schauen, wann ich meine Nase hineinstecken darf.

Hans von Trotha las aus seinem Buch „Im Garten der Romantik“ (BERENBERG)

Nein, Hans las nicht, er wurde würdig vertreten. Im Garten der Romantik ist ein Sachbuch über die Idee eines inneren Gartens der Stille, der Romantik. Philosophisch geschubste Worte über das Sinnbild des Gehens, des spazieren Gehens. Wer es fachlich verträumt mag, ist mit diesem Werk gut “Unterwegs”. Für mich persönlich war es an manches Stellen leider etwas trocken, ich stehe eher auf Spazieren im Sommerregen.

Die Verlegerin Selma Wels las aus dem Roman „Die Haltlosen“ von Oğuz Atay (Binooki)

Gefühlvolle und detailgeschwängerte Erzählweise mit einem sehr interessanten Hintergrund. Ich erschreckte mich als ich hörte, wie es zu der Veröffentlichung des Werkes kam und wie lange es dauerte bis sich jemand an das Werk traute. Der Übersetzer J. Neuner hat über ein Jahr an dem Roman gearbeitet, der bislang als unübersetzbar galt. Ein Buch was sich bedenkenlos mit »Ulysses« von James Joyce vergleichen lässt. Auch euch dürfte dieses Opus Magnum der neuen türkischen Literatur schwer beeindrucken. Humor und Ironie setzen sich zu Tisch und parodieren das Leben. Dieses Buch ist sowas von gekauft.

Claudia Hamm las aus ihrer Übersetzung von Emmanuel Carrère „Das Reich Gottes“ (MATTHES & SEITZ)

Wie findet man zum Glauben  und wie fällt man wieder ab? Ok, exakt so habe ich mich das noch nicht gefragt. Zumindest nicht wie man wieder davon abfällt. Aber genau dieses Werk tut es und startet von Null auf Hundert, von Ungläubigen zu Gläubigen. Von Zweifeln gepackt. Drei Jahre fast schon fanatisch christlich und dann kam das Loch.  Dieses Werk kommt geschichtsträchtig, frisch und wortgewandt aus einer Ecke mit der ich nicht gerechnet habe. Witz und Kritik sagen sich hier Guten Tag und wer nach Tiefgang im Leben sucht, darf dieses Buch beim Sonntagsspaziergang am See, auf einer Bank sitzend, nicht vergessen.

Axel von Ernst stellte Frans Kellendonks Buch „Buchstabe und Geist“ vor (LILIENFELD)

Dieses Werk brauche ich nicht vorstellen. Den Eindruck den es beim Hören hinterließ ist viel MEHR WERT. Witzig, spritzig, frech, frisch, jung, spitzzüngig und mit Sicherheit schnell lesbar dank Wortgefühl. Hirnknoten werden hier Alltagstauglich gelöst. Ich war sofort überzeugt ich müsse dieses Werk unbedingt lesen.  Und ja, ich muss.

Jan Kuhlbrodt las aus dem noch unveröffentlichten Roman „Das Modell“ (EDITION NAUTILUS)

Ein Roman mit dem Spielfeld DDR und sein Untergang. Rückblicke einer Jugend. Charmant zarte Worte, jugendliche Ideen und Handlungen. Kess im Wandel. Der Alltag trifft einen Wortküsser, in diesem Fall traurig vergänglich. Witzig und kritisch. Ein sympathischer Autor dessen Optik so authentisch wach und schüchtern zugleich wirkt.

Ulrike Feibig las aus ihrem Debütband „perlicke perlacke, mein Herz schlägt“ (POETENLADEN)

Hier passiert es leider, dass es für das Werk fairer ist, wenn ich mich nicht dazu äußere. Leider holt mich diese Art der Wortkunst viel zu wenig ab, als das ich qualitativ wertvoll eine Aussage dazu treffen könnte. Zur Autorin kann ich aber sagen, es klang alles sehr künstlerisch wertvoll.

Roswitha Quadflieg las aus ihrem Buch „Das kurze Leben des Giuseppe M. Ein Opfer von Jugendgewalt“ (TRANSIT)

Ein junger Mann stirbt. Er wurde im Bahnhofbereich von 2 Tätern angegriffen und das Opfer flieht. Leider rannte er schneller als er sah und prallte auf ein fahrendes Auto. Hinterlassene geben Privates frei und die Autorin schreibt ein packend trauriges, kritisch echtes Buch. Ein Buchzeuge eines jungen Toten und seiner Hinterbliebenen. Gewissenhaft und mutig recherchiert.

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Jürgen-Thomas Ernst stellte seinen Roman „Vor hundert Jahren und einem Sommer“ vor (BRAUMÜLLER)

Worte mit einer Leichtigkeit, die binnen weniger Momente tief ins Herz und Hirn schweben. Worte die Bilder zeichnen und ganze Filmmomente ziehen vor meinen Augen vorbei und treffen meinen Nerv. Ein Werk das Bildmomente zaubert. Leider bekommt man den Autor nicht mit nach Hause, denn die Stimme geht eine Symbiose mit dem Buch ein. Die Uhr machte Tick Tack. Gekauft.

Nele Heyse las aus ihrem Roman „Haltewunschtaste“ (MITTELDEUTSCHER VERLAG)

Kraftvolle Worte, kritisch weiterdenkende Wortwechsel aus dem Alltag in kleinster Runde. Vergangenes, Geschichten, Kriege werden als Beispiele für Versagen und Ängste ins Gespräch gebracht. Mit wem könnte man liebevoller ins Gefecht gehen als mit seiner eigenen Mutter? Würde dieses Werk je verfilmt werden – dann würdig von den Franzosen.

Nellja Veremej las aus ihrem Roman „Nach dem Sturm“ (JUNG & JUNG)

Gefühlvolle, klug verpackte Worte und Zeilen, ein Werk mit gewichtigem Inhalt. Die Autorin zieht uns in ein Geflecht aus den unterschiedlichsten Schicksalsbegegnungen. Poetisch schöne Momente. Was bleibt uns?

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Hamed Eshrat präsentierte sein Comic-Debüt „Venustransit“ (AVANT)

Einblicke in eine Beziehung. Schwarz/Weiß, jung, aus dem Leben, witzig, als wäre man hautnah in einem Kiosk mitten in Berlin, so der Einstieg. Kaum Schnick viel mehr Schnack in Bild und Wort. Alltag mit Biss. Man kann den Mief Berlins fasst schon auf den Bildern riechen sehen. Sympatischer Typ mit Witz und Mut zur Show am Beamer. Was hast du schön gesungen…. Rezension folgt. Und hey, Dankeschön für die Widmung für Kiek-Mal. Juti.

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Synke Köhler las aus „Kameraübung“, Iris Blauensteiner aus ihrem unveröffentlichten Roman „Kopfzecke“ (KREMAYR & SCHERIAU)

Kamerübung – Menschen aus dem Alltag, die leise durchs Leben schreiten und von der Autorin wie zarte Libellen eingefangen und in Buchform veröffentlicht werden. Mit dem Auge fürs Wesentliche und echt wie der Film einer super hochauflösenden Kamera. Für das Werk „Nachbild“, Kurzgeschichte, erhielt sie den Newcomer- Preis des Literaturwettbewerbs Wartholz.

Kopfzecke – Eine Tochter und ihre demenzkranke Mutter. Dieses Thema berührt mich. Meine Mutter sitzt bei dieser Lesung neben mir und mein Tochterherz ist sofort in dem Werk Iris Blausteiner. Eine Sanduhr gefüllt mit Zeit der Erinnerungen und nur noch wenige Krümel können fallen. Am Rand ein kleiner Riss im Glas. Erinnerungen rieseln ins Leere. Tochter Moni muss täglich mit ansehen, wie ihre Mutter vergisst und die Erinnerungen verblassen, eine Situation die ihr die Luft zum Atmen nimmt. Ein rührend unbequemes Thema im Leben von Kindern mit demenzkranken Eltern.

Britta Jürgs las aus „Auto-Biographie und andere Feuilletons“ von Christa Winsloe (AVIVA)

Wer keinen Humor besitzt sollte jetzt einfach alles überspringen. Denn Humor kommt bei diesem Werk, egal wo man es ließt, unverhofft zum Vorschein. Christa Winsloe ist durch den Film Mädchen in Uniformen berühmt geworden aber ich gestehe, als Feuilletonistin ist sie mir gänzlich unbekannt. Schande, dabei habe ich selbstbewusst am lautesten gelacht als Britta Jürgs in mein Gehörgang las. Böser Humor aber erfrischend im Hier und Jetzt. Muss ich mir Sorgen machen, wenn es einer Person gelingt, etwas zu schreiben was beunruhigend aktuell ist? Als hätte sich ein Reiseportal durch die Zeit geöffnet. Wo ist nur mein Kleid was so schön schwingt ÜM DIE BAUCHNABEL RÜM?

Nora Wicke las aus ihrem Roman „Vierstromland“ (MÜRY SALZMANN)

Eine Reise durchs Leben. Jeder trägt seinen eigenen kleinen Koffer des Erlebten auf seinen Schultern und besteigt Berge, durchschwimmt ganze Flüsse, forscht Höhlen und findet auf dem Weg alte Malereien der Verwandtschaft. Ironisch klare Worte auf der Suche nach den Lebensspuren einer Mutter, die viel zu früh verschwand.

Julian Mars las aus „Jetzt sind wir jung“ (ALBINO)

Humorvoll unverschämt, geht mitten ins Herz und macht auf ganz dicke Hose – Berechtigt. Erwachsen kann man nicht auf einfachem Wege werden, dies muss auch Felix feststellen. Stress mit der Mutter alias dem Klammeräffchen “Ächz”, ehemalige Freunde will man auch nicht unbedingt ein zweites Mal sehen. Das Leben ist hart und dies setzt Julian geistreich im Klartext in Szene.

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Mário Gomes und Jochen Thermann lasen aus ihrem Debütroman „Berge, Quallen“ (DIAPHANES)

Hier kann und will ich nicht viel von der Handlung schreiben. Diese Komik und dieser Wille dem Leser frech ins Gesicht zu grinsen, ist schon fast dreist gut. Hier reichen sich Hirn und Auge die Hand und spielen Spielchen mit uns. Ein Muss.

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David Wagner las aus seinem Buch „Sich verlieben hilft. Über Bücher und Serien“ (VERBRECHER).

Ich bin zwar schon vielen Jahren verliebt, verliebe mich aber auch gerne in weitere Dinge. Und genau dort lenkt uns David Wagner hin. Verliebe dich. Im jüngst verfassten Essays streift David Wagner durch die fabelhafte Welt der Bücher und Bibliotheken. Er findet Bücher auf der Straße. Er besichtigt “Robinson Crusoe” oder “Der Graf von Monte Christo”. Gleichzeitig ruht er im Bett und schaut über sein Notebook bekannte TV-Serien. Wer sich da nicht gut beraten fühlt…?  David Wagner ist Preisträger der Leipziger Buchmesse 1013.

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Margret Boysen

 

Jürgen-Thomas Ernst

 

Synke Köhler und Iris Blauensteiner

 

Hamed Eshrat

 

Am Wannsee

 

Die Geister der Literatur – W. W. Jung

Angèla

Angèla

Illustratorin, Designerin und Autorin bei BruderherzArts
Gründerin von Kiek-Mal e.V.
Leidenschaftliche Sammlerin von Konsolen, Platten, Büchern und Kuckucksuhren
Erste Konsole: Atari 2600 Darth Vader
Lieblingsspiel: Day of the tentacle
Aufgaben bei Kiek-Mal:
- Redakteurin
- Zeichnerin und Gestalterin
- Kreativteamleiterin
- Schatzmeisterin
- Rezensentin
- Spieletesterin/- entwicklerin (Brett/- Kartenspiele)
- Zeichnerin bei Challenges
- Organisatorin von Kiek-Mal e.V.
- Planerin und Leiterin von Challenges

Email: moc.l1534704925am-ke1534704925ik@al1534704925egna-1534704925tkatn1534704925ok1534704925
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