Kampf der Systeme oder auch Hase und Wolf vs. Pacman – Teil 1 “der trockene Teil, im Ost-Style”

Ich wurde 1985 in Ostberlin geboren und habe die Wendezeit nur am Rande mitbekommen. Von Computertechnik hatte ich damals keinen Schimmer. Erst Anfang der 90’er Jahre wanderte dann ein C64 in unsere Wohnung. Von DDR Computern oder Videospielen habe ich erst sehr viel später gehört. Als ich vor einigen Monaten im Computerspielemuseum verweilte und eine Schautafel über das Spielen in der DDR betrachtete, klingelte es wieder in meinem Kopf und ich wollte noch mehr darüber erfahren.

 

 

Kampf der Systeme

Nicht nur politisch, sondern auch auf technischer Ebene wurde der kalte Krieg ausgetragen. Durch das COCOM Abkommen wurde den Staaten im Warschauer Pakt die Einfuhr von Computertechnik aus dem Westen verboten und nahezu unmöglich gemacht. Daraufhin kam 1980 die erste und einzigste in der DDR entwickelte Spielekonsole auf den Markt. Die sogenannte BSS 01 (Bildschirmspiel 01). Bis 1984 wurden von der BSS 01 ca. 1000 Stück verkauft. Aber nur selten konnten Privathaushalte die 550 Ostmark dafür aufbringen.

Quelle: http://www.ziltendorf.com/ Ostmark

Deswegen stand die Konsole meist nur in Jugendeinrichtungen zum Spielen bereit. Ganze vier Spiele waren auf der Konsole spielbar. Tennis, Fussball, Squash und Pelota. Spielmodule gab es für die BSS 01 nicht. Während man in Westdeutschland 1980 eine farbige Welt in Space Invaders auf dem Atari 2600 verteidigen konnte, beschäftigten sich die Kids im Osten gerade einmal mit der Schwarz/Weiß Kopie von PONG, welches im Original von Atari bereits 1972  erschien. Auch Nintendo sorgte ab 1986 mit dem NES für aufsehen und leitete eine neue Ära der Dominanz im Konsolenmarkt ein. Im Vergleich mit dem Atari 2600 und dem NES hatte die Ostdeutsche BSS keine Chance. Hier wurde der technische Unterschied zwischen Ost und West sehr deutlich.

Die DDR Führung war jedoch so stolz auf die technische Errungenschaft für die Bürger, dass Videospiele offizieller Bestandteil der Bildungs- und Kulturpolitik wurden. Anders zeigte sich das Bild in der Bundesrepublik. 1984 wurde das Jugendschutzgesetz angepasst. Videospielautomaten durften nicht mehr an öffentlichen Plätzen zugänglich sein. Das Zocken von Space Invaders und co. war daraufhin nur noch in verrauchten Kneipen möglich. Das Image der daddelnden Freizeitbeschäftigung rutschte an den Rand der Illegalität.

1984 wurde in der DDR die Entwicklung von der BSS 02 gestoppt. Aufgrund von Ressourcenknappheit wurde lieber die Produktion von Radioweckern forciert. Auch die BSS 01 variierte auf Grund des Mangels an verfügbaren Bauteilen oftmals in ihrer Erscheinung. Gerüchten zufolge sollte die BSS 02 endlich in Farbe spielbar sein.

 

 

Kleincomputer

Angefangen hatte in der DDR alles 1984 mit der Entwicklung des sogenannten HC 900, der später in den KC 85/2 umbenannt wurde. HC stand für Heimcomputer und KC für Kleincomputer. Aufgrund der Umbenennung wird deutlich, dass der Verwendungszweck in der fortschreitenden Entwicklungsphase angepasst wurde. Der KC 85/2 wurde anfänglich für den Heimbereich konzipiert. Da sich eine “normal” verdienende Familie so ein Gerät nur sehr schwer Leisten konnte, konzentrierte man sich im weiteren Verlauf auf den Bildungszweig. 4300 Ostmark kostete zum Beispiel der Nachfolger KC 85/3 bei Markteinführung. Die Version KC 85/4 markiert das Ende der Entwicklungsstufe und war technisch den früheren Modellen überlegen. Mit all zu vielen Details möchte ich euch nicht langweilen. Nur soviel, der KC 85/4 besaß eine Taktfrequenz von 1,77 MHz, 64 KByte Ram, 20 KByte Rom und hatte eine Bildgröße von 320×256 Pixeln. Desweiteren gab es für alle Versionen auch diverse Erweiterungsmodule und Aufsätze, zum Beispiel für Floppy Disks oder Kassettenrecorder.

Zur gleichen Zeit war in der Bundesrepublik der Commodore C64 in aller Munde und die Veröffentlichung des Nachfolgers C128 stand kurz bevor.

 

Kommen wir nun zum wichtigsten Punkt der HC/85 Serie. Und zwar zu den Spielen. Fast alle Spiele waren als Freeware verfügbar. Es wurden auch offizielle Spielprogramme als Spielesammlungen (ca. 4 Spiele auf Kassetten) für 38 Mark verkauft. Meistens wurden berühmte Spiele aus dem Westen kopiert. “Ladder” und “Pac-Man” waren auch im Osten sehr beliebt. Allerdings bemühte sich die Führung der DDR um neue Namen. Aus “Pac-Man” wurde “Hase und Igel”. Nicht nur hier erkennt man, dass der Osten eine andere Politik in Sachen “Spiele” verfolgte. Die Spiele wurden verniedlicht und sollten Spaß machen. Gewaltspiele wie “Jet” oder “Falcon” wurden in der antikapitalistischen Propaganda gerne benutzt um die Verrohung und Ausbeutung der westlichen Jugendlichen durch die Industrie zu geißeln.

 

Polyplay

Das Highlight des elektronischen Spielvergnügen aus der DDR. Der Videospielautomat Polyplay wurde 1986 der Öffentlichkeit vorgestellt. An den Automaten konnte man bis zu acht verschiedene Spiele spielen. Darunter waren Klassiker wie “Hase und Wolf”, “Schießbude”, “Autorennen” und “Schmetterlingfangen”. Mit 50 Pfennig pro Spiel war der Preis für eine Daddelrunde sehr überschaubar und deutlich günstiger als auf der anderen Seite der Mauer. Leider wurden die Geräte nur an privilegierte Einrichtungen vergeben. Die meisten Geräte (42 Stück an der Zahl) standen im SEZ (Sport und Erholungszentrum) in Berlin. Demzufolge war das SEZ die größte Spielhalle in der DDR. Circa 1000 Geräte wurden hergestellt. Mit dem Ende der DDR kam auch das Ende des Polyplay. Gegen die technikprotzenden Maschinen, die nach der Wende verfügbar waren, hatte der kleine, altertümlich wirkende Polyplay keine Chance und verschwand recht schnell von der Spielfläche.

Und zu guter Letzt habe ich noch einen Link für euch, der mir schon ein paar nette Stunden gebracht hat. Die Spiele des Polyplay könnt ihr nämlich auf eurem heimischen PC (oder Mac) zocken. Als Web basierte Version könnt ihr euch hier ein Duell mit Hase und Wolf liefern, oder ihr versucht euer Glück bei einem der anderen spielbaren Titel.

“Moment, moment, moment…. was soll das denn werden? Wie soll das hier ein Ost vs. West werden, wenn nur nen Ossi darüber schreibt?”

Alex: “Was soll das bedeuten ‘nen Ossi’ ?”

Angela: “Du hast mich schon richtig verstanden. Der Vergleich ist wertlos, wenn der Bericht nur aus einer Ecke kommt.”

Alex: “Und wie soll es deiner Meinung nach laufen? Sprich, Wessi!”

Angela: “Ruhig bleiben, Genosse. Ich als Wessi habe natürlich sofort ne Idee, nein, DIE Idee.”

Alex: “Und wie genau…?”

Angela: “Ich fordere dich hiermit heraus… lasset die Spiele beginnen.”

Fortsetzung folgt…

Gezeichnet von Angèla H. Jung aka BruderherzArts / BHA Juni 2016

 

Alex

Alex

Vorstandsvorsitzender bei Kiek Mal e.V.
Gründer
Erste Konsole: SNES
Lieblingsspiele: Zelda Reihe, FIFA 96!, AOE2, BF1942, MoH:AA, Lineage2, GTA Reihe, Mafia

Ja, ich bin eindeutig hängen geblieben 😉

Aufgaben bei Kiek-mal:
- Rezensent
- Produkttester
- Spieletester
- Soft-/Hardwaretester
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Alex

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